Tbilissi! In der größten Stadt Georgiens leben mit rund 1,1 Mio. Einwohner*innen 30% der Gesamtbevölkerung. Die Sowjetrepublik Georgien war vom Zentrum der Sowjetunion – Moskau – weit entfernt, dieser Umstand sowie die besondere Topografie der Berglandschaft, begünstigte in Tbilissi die Durchführung von Experimenten. Es entstanden städtebauliche Typen und Wohnbautypen, welche die visionären Ideen der sowjetischen Konstruktivist*innen und Modernist*innen baulich manifestierten.

Neben diesen herausragenden Einzelprojekten sind große zusammenhängende Wohngebiete, die sogenannten Mikrorayons, welche von den 1950er bis in die 1980er Jahre errichtet worden, Stadtbild prägend. Sie benötigen in vielen Fällen einer Überprüfung um für die gegenwärtigen Herausforderungen – Flächenausnutzung, Raum für Mikroökonomien, alternative Eigentumsmodelle, Zuordnung und Umgestaltung von Freiflächen, ökologische und stadtklimatische Anforderungen, Fragen der Mobilität jenseits des motorisierten Individualverkehrs, usw. – angepasst zu sein.

Insbesondere die schnell errichteten Gebäude der 60er Jahre, die sogenannten Chruschtschowkas, sind heute in vielen Fällen baufällig. Hinzu kommt, dass die Wohnungen in großen Teilen bereits kurz nach der Errichtung zu klein waren oder sie aus Mangel an alternativen Wohnraum oft überbelegt waren. Ein Gesetz von 1989 erlaubte den Bewohner*innen Balkone, Loggien und Veranden an einzelne Wohneinheiten anzubauen. Diese informell geschaffenen Baustrukturen, die allgegenwärtig in der Stadt sind, können im Kontext von Selbstbau und Weiterbau neue Impulse geben, eine eigenständige Antwort auf die Wohnungsfrage zu finden.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion führte die Neoliberalisierung zu einem Dirty Urbanism, der mit unkontrollierten Bautätigkeiten, der Privatisierung der Stadt und dem Verlust von öffentlichem Raum einhergeht.
In der Masterthesis beschäftigen wir uns mit dem Stadtteil Saburtalo, der beispielhaft für die in der ganzen Stadt auftretenden Prozesse steht. Zwischen exponierter Hang-Hochlage und Flusstal gelegen und wesentlich durch die baufälligen Chruschtschowkas geprägt, bietet Saburtalo die Chance, die sehr stringente städtebauliche Anordnung zu überdenken und die Verknüpfungen zu den angrenzenden Stadtgebieten sowie die freiräumlichen Qualitäten zu stärken. Ziel wird es sein, eine massstabsübergreifende Vision und Entwurfsstrategie zu entwickeln, die prototypisch für eine Transformation und Neuausrichtung Tbilissis sein kann.

Die im Rahmen der Masterarbeit entwickelten Entwürfe werden im Rahmen der erstmalig im Herbst stattfindenen Architekturbiennale in Tbilissi ausgestellt.
Ausgabe der Aufgabenstellung
04.04.2018, 14 Uhr
Einführungstermin
10.04.2018, 14 Uhr, mit Prof. Ia Kupatadze (Ilia State University Tbilisi)
Exkursion nach Tbilissi und Jerewan
19. – 26.05.2018

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