Städtebauliches Projekt im WS 2013/14

Es scheint zunächst etwas verwegen, die Bremer Bahnhofsvorstadt ein „Unmögliches Grundstück“ zu nennen. Doch was meinen wir damit? Die hoch-frequentierten Orte unserer Städte, die unter dem Eindruck massiver Passagier und Verkehrsströme stehen! Was zeichnet diese Orte aus? Zu Zeiten sind sie hoch frequentiert, zu anderen beinahe unbelebt. Ihre Anrainer sind häufig hohen Emissionen in Form von Lärm, Abgasen und visuellen Beeinträchtigungen ausgesetzt.
Unmögliche Grundstücke sind aber auch Orte, an denen Millionen Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Alters oder unterschiedlicher Überzeugungen zu einem Zweck zusammen kommen: um sich gemeinsam fort zu bewegen. Als solches haben die verkehrsgeprägten Orte unsere Städte nicht nur das Potential hyper-demokratisch zu sein, sie sind trotz ihrer negativen Qualitäten auch lebendig – wenn gleich sich ihre Lebendigkeit nicht an den Grundzügen der „kompakten Europäischen Stadt“ messen lassen kann. In einer global vernetzten Gesellschaft und Wirtschaft sind die Unmöglichen Grundstücke die zentralen Orte! Der Terminus Unmögliches Grundstück beschreibt damit die Ambiguität aus Entwicklungspotential und -hürde. So ein Unmögliches Grundstück ist eben die Bremer Bahnhofsvorstadt. Als einer der strukturell schwächsten Ortsteile Bremens, schlagen sich die Herausforderungen, die der massive Ausbau von innerstädtischen Verkehrsinfrastrukturen in den 60’er und 70’er Jahren in der alten Bundesrepublik mit sich gebracht haben, in radikal eigenartigen aber nichts desto trotz bezaubernden Nutzungsstrukturen nieder: die Hochstrasse wirft ihren Schatten auf die Diskomeile in der auf Plakaten extra noch mal auf das generelle Waffenverbot hingewiesen wird. Sie steht dem fast 170 jährigen Bahnhof gegenüber. Das ehemalige Stift mit Wohnungen für Betagte gesellt sich gleich nebenan. Das neue Multiplex Kinocenter liegt in direkter Nachbarschaft zur Keimzelle alternativer Lebens- und Arbeitsformen. Hochhaus neben Baracke, Postamt zu Hochschule und Villen am Grüngürtel,… In der Bremer Bahnhofsvorstadt treffen ganz unterschiedliche Kulturen, Lebensstile und Lebensauffassungen auf relativ begrenztem Raum aufeinander. Dem sich auf den ersten Blick als kleines ästhetisches Chaos darstellenden Gebiet steht die innere Logik einer überraschenden Varianz an urbanem Leben und Stadträumen gegenüber. „Hier ist der Ort, an dem die Stadt Bremen ihr Großstadtversprechen einlöst“ sagt die Senatsbaudirektorin Prof. Dr. Iris Reuter. Das stimmt! All diese Qualitäten gilt es zu beschreiben und weiter zu entwickeln. Gleichzeitig muss dem großen Leerstand und teilweisen Verfall der Bausubstanz begegnet werden. Die Bahnhofsvorstadt beinhaltet großes Entwicklungspotential. Die Stadt Bremen hat dies erkannt und fragt nun nach neuen Ansätzen und Visionen für dieses problembehaftete aber zugleich überaus vital anmutende Gebiet. Dies zeigt sich auch in den Interviews, die die Studierenden vor Ort gemacht haben. Dort zeigt, die Bahnhofsvorstadt wäre durchaus attraktiv als Wohnort. Vielen denken, das Gebiet hat sich schon gut entwickelt. Andere sehen das Gebiet als gut angebunden oder als Durchgangsort. Die vorliegenden Arbeiten gehen jeweils ganz unterschiedlich mit dem Areal um. Einige nehmen die Hochstraße als Anlass, neue urban Typologien zur erdenken: ein Studierendendorf, eine innerstädtische Bildungslandschaft, ein Fitnessparcours und neue Flaniermeile. Andere Arbeiten adressieren das unmittelbare Bahnhofsumfeld – den Vorplatz, der ja der Eingang zur Stadt ist. Andere wiederum entdecken die Bahnhofsvorstadt als neuen Lebens- und Wohnort und nehmen dabei jeweils ganz unterschiedliche Gebiete in den Fokus, die Restfläche an den Bahnhofsgleisen, den Kreisverkehr oder am Contrescarpe.

Link zur Dokumentation

 

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